Der digitale Wirtschaftsanwalt – Interview mit RA Prof. Dr. Stephan R. Göthel (Pier11)

Die digitale Transformation betrifft die gesamte Rechtsbranche. Auch Wirtschaftsanwälte müssen sich auf die Digitalisierung einstellen und die internen Abläufe sowie das Geschäftsmodell anpassen, um den anspruchsvollen Mandanten Beratungsprodukte des 21. Jahrhunderts anbieten zu können.

RA Prof. Dr. Stephan R. Göthel ist einer der Gründungspartner der Boutique Pier11 in Hamburg. Er ist auf die Bereiche Corporate, Corporate Finance, Mergers & Acquisitions und Venture Capital spezialisiert und berät viele Unternehmen aus der Technologie-, Medien- und Konsumgüterbranche, vom Startup bis zum Marktführer. Zudem ist er Professor für Unternehmensrecht an der BSP Business School Berlin. Bevor er sich selbstständig gemacht hat, war er Partner in einer internationalen Wirtschaftskanzlei.

Nico Kuhlmann: Lieber Stephan, der Begriff Legal Tech ist seit einiger Zeit in aller Munde. Was verstehst Du darunter?

Stephan R. Göthel: In einem weiteren Sinn könnte man darunter die praktisch schon seit Jahrzehnten eingesetzte Software zur Büroorganisation, Dokumentenverwaltung oder Fachdatenbanken verstehen. Doch ist der Begriff Legal Tech tatsächlich erst vor ein paar Jahren geprägt worden, so dass für mich Legal Tech vor allem folgendes beschreibt: Zum einen Software, welche die durch Menschen verrichtete anwaltliche Tätigkeit ersetzt, wie beispielsweise das Prüfen von zahlreichen Dokumenten in einer Legal Due Diligence auf das Bestehen bestimmter Vertragsklauseln (wie es z.B. Leverton anbietet) oder die automatische Erstellung von Verträgen (wie etwa bei Smartlaw). Zum anderen gehört für mich zu Legal Tech alles, was durch künstliche Intelligenz auf uns zukommen wird, wobei ich hier nur als Stichwörter Watson und Ross Intelligence nennen möchte.

Nico Kuhlmann: Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für deinen beruflichen Alltag? Was hat sich in den letzten 10 Jahren bereits verändert?

Stephan R. Göthel: Die Bedeutung ist groß. Ich denke beispielsweise an die Möglichkeit der Online-Recherche von jedem Ort der Welt oder den externen Zugriff auf meine gesamten Akten und Muster. Das schafft große Freiheit und ermöglicht es mir, für die Mandanten stets einsatzbereit zu sein. Und diese Möglichkeiten sollte man auch nutzen, da die Erwartungshaltung der Mandanten steigt.

Nico Kuhlmann: Was wünschen sich die Mandanten? In welchen Bereichen hat sich die Erwartungshaltung durch die Digitalisierung bereits geändert?

Stephan R. Göthel: Für Dienstleister sind die Anforderungen an Geschwindigkeit und Erreichbarkeit in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Eingeschränkte Öffnungszeiten von Kanzleien und Schließungen an Freitagen um 14 Uhr kann sich kein Wirtschaftsanwalt leisten. Und die Mobilnummer sollte man auch nicht als geheimen Schatz hüten. Im Übrigen erwarten Mandanten nach meiner Erfahrung, dass ein Anwalt mit mittlerweile schon allgemein üblichen Datenspeicherungssystemen wie Dropbox umgehen kann. Auch die Frage nach der Erreichbarkeit über Skype oder Facetime sollte einen Anwalt nicht erschrecken. Und wenigstens von großen Sozietäten wird zunehmend erwartet, dass beispielsweise bei der Prüfung von Dokumenten auch entsprechende Software eingesetzt wird.

Nico Kuhlmann: Gibt es diesbezüglich einen Unterschied zwischen Startups und etablierten Industriekonzernen?

Stephan R. Göthel: Nach meiner Erfahrung ja. Startups sind durch eine junge Generation geprägt, für die der Einsatz von Technik, die ständige Erreichbarkeit und die Digitalisierung der Normalzustand sind, auf dem auch viele Geschäftsmodelle aufbauen. Die Gründer kennen es kaum anders. Etablierte Unternehmen sind häufig traditionell aufgebaut und vereinen Mitarbeiter aus allen Generationen, die häufig geregelte Arbeitszeiten haben. Damit einher geht teilweise eine geringere Erwartungshaltung an die Erreichbarkeit von Anwälten. Positiv gesehen können etablierte Unternehmen daher manchmal sehr entschleunigen, jedenfalls wenn es um die laufende allgemeine und nicht die Transaktionsberatung geht. Andererseits ist der Kostendruck in Rechtsabteilungen etablierter Unternehmen enorm gestiegen. Und dieser Druck wird an die Anwälte weitergegeben. Daher werden wir dem auf Dauer nur mit eigenen Einsparungen durch den Einsatz von Legal Tech begegnen können.

Nico Kuhlmann: In Deiner Boutique werden regelmäßig Veranstaltungen aus der Reihe 12min.me durchgeführt. Worum handelt es sich dabei und was versprichst Du Dir davon?

Stephan R. Göthel: Bei 12min.me halten an einem Abend drei Experten und Young Professionals Vorträge zu einem bestimmten Thema ihrer Wahl in Abstimmung mit dem 12min.me-Team. Jeder Vortragende hat jeweils 12 Minuten mit einer sich anschließenden Fragerunde von 12 Minuten. Bei 12min.me geht es darum, kurzweilig Inhalte und Geschäftsmodelle zu vermitteln sowie als Plattform für Networking zu dienen. Wir haben verschiedene Reihen in der 12min.me-Familie, wie etwa neben der Urform Ignite Talks das Format 12min.FIN (CodeRouge) zum Thema Fintechs, 12min.MED zum Thema Medizintechnologie oder das bei uns stattfindende 12min.LAW (InFlagranti) zu Rechtsthemen aus den Bereichen Digitalwirtschaft, Startups und Legal Tech. Und vertreten sind wir mittlerweile an über zehn Standorten, national und international. Für uns als Anwaltsboutique ist 12min.me eine hervorragende Art, interessante Menschen kennenzulernen und am Puls der Digitalisierung zu bleiben.

Nico Kuhlmann: Du kennst sowohl die Abläufe in einer internationalen Wirtschaftskanzlei und in einer spezialisierten Boutique. Wo liegen die Unterschiede in Bezug auf die Digitalisierung? Welche Organisationsform kann in welchen Bereichen ihre Stärken am besten ausspielen?

Stephan R. Göthel: Boutiquen haben den Vorteil sich schnell bewegen zu können. Die Entscheidungswege sind sehr kurz. Ideen zur Digitalisierung können daher zügig umgesetzt werden. Umgekehrt darf man nicht vergessen, dass neue Software und Systeme auch stets hohe Investitionen bedeuten, die sich bei großen Kanzleien leichter stemmen lassen, wenn einmal eine positive Entscheidung gefallen ist. Und schließlich sind manche Möglichkeiten der Digitalisierung für Boutiquen (noch nicht) lohnenswert, weil das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht stimmt. Ich denke, die Gemengelage ist ähnlich wie bei anderen Unternehmen unterschiedlicher Größe.

Nico Kuhlmann: Wo siehst Du in Zukunft das größte Wachstumspotenzial für Wirtschaftsanwälte? Mit welchen Beratungsprodukten kann der meiste Mehrwert generiert werden?

Stephan R. Göthel: Standardprodukte werden immer häufiger entsprechend honoriert. Damit meine ich das untere Ende der Preisskala. Der echte Mehrwert eines Beraters liegt daher immer stärker darin, spezifische Bedürfnisse des Mandanten zu erkennen und maßgeschneiderte Lösungen zu bieten, die nicht in der digitalen Schublade liegen. Auch bei Verhandlungen – seien es Vertragsverhandlungen oder streitige Verhandlungen bei Gericht – kann der Anwalt seine menschlichen Stärken ausspielen, ohne bisher digitalen Druck zu spüren. Aber wer weiß, vielleicht verhandeln zukünftig verschiedene Ross-Anwälte miteinander und wir menschlichen Anwälte sind zum Zuschauen verdammt.

Nico Kuhlmann: Wenn Du Associates für Deine Boutique einstellst, auf welche Fähigkeiten achtest Du am meisten? Hat sich das Anforderungsprofil von Junganwälten durch die Digitalisierung bereits verändert?

Stephan R. Göthel: Die Anstellung in einer Boutique fordert (und fördert) in größerem Maße von Beginn an unternehmerisches und wirtschaftliches Denken als die Anstellung in einer großen Sozietät. Eine Boutique lebt stärker davon, dass alle Mitarbeiter stets die gesamte Kanzlei im Blick haben und nicht nur den eigenen Arbeitsplatz. Daher sind dies Fähigkeiten, auf die wir achten. Gleiches gilt für eine offene Einstellung zu Digitalisierungsthemen. Denn auch wenn Juristen traditionell konservativer sein mögen als andere Akademiker, gerät man heute als junger Wirtschaftsanwalt ohne Interesse für Rechtsthemen der Digitalisierung und ohne eine positive Einstellung zu technischen und Legal Tech-Themen ins Hintertreffen. Diese Themen werden immer entscheidender und schaffen neue Chancen für Absolventen – auch außerhalb der klassischen Berufsfelder. Hochspannend!

Nico Kuhlmann: Lieber Stephan, vielen Dank für das Interview und beste Grüße nach Hamburg.

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