Alle Stimmen anhören

Nachkriegsdeutschland vor 70 Jahren: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk beginnt zu senden. In einem Festakt wurde an diesen Start erinnert – aber vor allem über die aktuellen Herausforderungen diskutiert.

Von Jörg Pfuhl, NDR

Es ist der 4. Mai 1945: „Here is Radio Hamburg, a station of the allied military government. Hier spricht Hamburg, ein Sender der alliierten Militärregierung.“ Zuerst sind es die alliierten Sieger, die in Deutschland Radio machen. Erst Jahre später dürfen deutsche Zivilisten die Sender übernehmen – bis 1949, vor 70 Jahren, das Grundgesetz den Öffentlich-Rechtlichen mit der Pressefreiheit ihr Fundament gibt.

Heute seien es fake news, die den demokratischen Diskurs von innen bedrohen, und Algorithmen-getriebene Tech-Firmen aus dem Silicon Valley, die Europas Presselandschaft austrocknen. Netflix allein, sagt BBC-Generaldirektor Tony Hall bei dem Festakt auf dem NDR-Gelände in Hamburg-Lokstedt, habe für seine Filme ein Budget fast doppelt so groß wie alle Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland zusammen.

Und trotzdem schaffe man immer wieder Gemeinschaftserlebnisse – ob Weltmeisterschaft, Königliche Hochzeit oder aufwendige Dokus wie der „Blaue Planet“, produziert von Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland und Großbritannien: „Allein sind wir nicht groß genug, aber zusammen sind wir eine große Familie. Wir arbeiten zusammen, um bestehen zu können.“ Eine dreiviertel Milliarde Menschen habe die zweite Staffel des „Blauen Planeten“ gesehen: „Man muss kein Riese von der US-Westküste sein, um gewaltige Wirkung zu haben.“

„Alle Sichtweisen widerspiegeln“

Schwerer noch als die Herausforderung durch die Tech-Riesen empfindet Hall die Fragmentierung der Gesellschaft. Den Filterblasen und Echokammern des Internets setzt der BBC-Mann den Anspruch auf Universalität entgegen – eine Verpflichtung, jeden zu erreichen: „Alle Sichtweisen widerzuspiegeln und darzustellen – um zu gewährleisten, dass alle Stimmen gehört werden.“

Alle Stimmen hören, womöglich auch solche, die von der Abschaffung der Demokratie träumen? Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm versucht den Spagat. Demokratisch gewählte Parteien gehörten natürlich in die Nachrichtensendungen. Man müsse es aber zugleich hinterfragen, einordnen, überprüfen und auf Provokationen einen angemessenen Umgang finden.

„Gewisse Form von Mehltau“

Julia Jäkel, die Vorstandschefin der Bertelsmann-Tochter Gruner+Jahr, mahnt ihre Kollegen von den Öffentlich-Rechtlichen, kein closed shop zu werden. Die richtig tollen Dokus liefen erst um Mitternacht, ansonsten Krimis ohne Ende – zu einfallslos: „Eine Regelmäßigkeit an konstantem Geld, das von oben fließt, kann auch irgendwie zu einer gewissen Form von Mehltau führen und nicht zu Kreativität.“

Im Publikum sitzt ihr Ehemann Ulrich Wickert und lächelt. Vermutlich verbucht er es als Kritik unter Freunden. „Ich freu‘ mich, wenn ich sehe, wie es die Tagesschau geschafft hat, auch in dieser digitalen Welt eine unfassbare Reichweite zu halten“, sagt seine Frau. Da freue sie sich als Wettbewerber und als Bürgerin. „Und ich bin Ihnen sogar so freundschaftlich verbunden, dass ich einen von Ihnen geheiratet habe… also mehr kann ich nicht als Liebeserklärung zum Geburtstag machen!“

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